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Wabi-Sabi

Carla Günther

Wir leben in einer Zeit, in der es um Optimierung und Perfektion geht – um un-seren makellosen Auftritt und die ständige Arbeit daran. Wir streben nach einer äußeren Schönheit, die im Grunde dem natürlichen Lauf des Lebens widerspricht. Die Digitalisierung verstärkt diesen Trend. Der Einsatz von Filtern macht es möglich, unser Erscheinungsbild durch ständige Überarbeitung schnell und einfach zu verfälschen. Das beunruhigt mich, denn es entspricht nicht dem realen Leben und funktioniert nur in der virtuellen Welt. Indem Dinge unauthentisch perfektioniert werden, wird die Realität verklärt. Es sind die vom Leben gekennzeichneten Dinge, die einen wirklich starken Charakter haben und uns berühren. Sind es nicht gerade die kleinen ‹Fehler›, Asymmetrien, Narben, Falten, die einzigartig und besonders machen? Liegt Schönheit nicht genau in dieser Einzigartigkeit? Halten wir es überhaupt noch aus, Dinge einfach so zu lassen wie sie sind? Auch in der Gestaltung versuchen wir eine ‹perfekte› Arbeit zu machen, indem wir auf richtige Verhältnisse, Anordnungen und Hierarchien achten. Wir retuschieren und kaschieren so lange an Dingen herum, bis sie für unser Auge ‹perfekt› sind. In der Philosophie des Wabi-Sabis – einem japanischen Konzept von Schönheit und ihrer Wahrnehmung – gibt es kein hierarchisches Denken, es herrscht eine Atmosphäre der Gleichheit. Sie beschreibt die Bedeutung unvollkommener, ver- gänglicher und unvollständiger Dinge, denen die Spuren der Zeit anzusehen sind. Und genau darin liegt ihre Schönheit. Alles ist auf perfekte Weise nicht perfekt!

Technik

After effects, Illustrator, Indesign, Photoshop